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Martina Decker
Kurzgeschichten und mehr
"Großvater"

Großvater

© Martina Decker

 

Dieser Hüne von einem Mann, der er einst war, wirkt klein und zerbrechlich, verliert sich fast in dem grellen Weiß der Kissen.  

Spitz sticht die Nase aus dem kantigen Gesicht hervor, liegen seine Hände kraftlos auf der Decke.

Ein Schlauch führt von der Nase zu einem schmatzend pumpenden Gerät am Kopfende des Bettes, durch einen anderen rinnt Urin in einen Beutel, der am Bettgitter festgemacht ist.  Überall dicke und dünnere Schläuche; tropfende Flüssigkeiten;

hier rein, dort raus.

 

Er hat die Augen geschlossen. Ab und zu geht ein Zucken durch seinen Körper. Dann flattern die Lider und seine Finger krallen sich in den dünnen Stoff des Bettbezuges.  

 

Still sitze ich neben ihm, streichle über sein Gesicht. Wie altes Pergamentpapier sieht die Haut aus, mit einem gelben Schimmer und ein bisschen fürchte ich, sie könnte bei der kleinsten Berührung aufreißen.

 

Irgendwann liegt seine Hand in meiner und während mir still die Tränen über die Wangen laufen, gehen meine Gedanken zurück in eine Zeit, als er mein größter Held gewesen war.

 

Damals lag meine kleine Hand in seiner und ich war mir sicher, mit ihm an meiner Seite gab es nichts, wovor ich mich fürchten musste. 

Nicht einmal mehr vor Jonas, der mir fast jeden Tag vor der Schule auflauerte und meinen Ranzen nach Brauchbarem durchsuchte. Der mich schlug, wenn er nichts fand und der mich mit einem Fußtritt davon jagte, wenn er hatte, was er wollte.

Heulend war ich jedes Mal nach Hause gelaufen. Hatte wütend und beschämt in meinem Zimmer gesessen und mir gewünscht, ich wäre ein Superheld. Einer wie Supermann mit  magische Kräften oder wie Captain Kirk vom Raumschiff  Enterprise mit seiner Laserpistole.

 

Aber ich war nur ein kleiner Junge, mickrig und blass, ängstlich - ein Feigling!

Es hatte eine Weile gedauert, bis Großvater die ganze Geschichte aus mir herausgeholt hatte. Seine Hand streichelte zärtlich über meinen Kopf, sein großes, kariertes Taschentuch trocknete meine Tränen und dann hatte er gesagt:

„Ich bringe das in Ordnung!“

Ganz ruhig, ganz selbstverständlich, so als wäre es das Einfachste auf der Welt.

Und tatsächlich: Jonas ging mir von da an aus dem Weg. Ja, wenn wir uns zufällig begegneten, war er sogar sehr nett und bot  mir von seinen Bonbons an.

Einmal habe ich Großvater gefragt, was er ihm gesagt hatte. Aber Großvater lächelte nur verschmitzt und meinte: „Mein lieber Junge, das bleibt mein Geheimnis. Ich habe es Jonas versprochen.“

 

Einer der Monitore piept laut, reißt mich aus meinen Erinnerungen.

Im gleichen Moment geht die Tür auf, stürmen zwei Schwestern und ein Mann in weißem Kittel ins Zimmer. Unsanft werde ich zur Seite geschoben, stehe mit dem Rücken an die Wand gelehnt und beobachte, ohne zu verstehen, was vor sich geht.

Nach endlos langen Minuten, angefüllt mit hektischem Hantieren an Geräten, Schläuchen und Großvater gehen sie wieder. Die Tür fällt ins Schloss und sofort ist diese Stille wieder da, die doch so gar nicht still ist.

Das Surren der Monitore; das Schmatzen der Pumpe; das gleichmäßige Plopp fallender und zerplatzender Tropfen.

Warm schickt die Sonne ihre letzten Strahlen dieses Tages durch das große Fenster. Außen auf der Fensterbank sitzt eine kleine Blaumeise. Eifrig putzt sie ihr Gefieder.

Ich muss an den kleinen Mauersegler denken, dem Großvater und ich vor so vielen Jahren das Leben retteten. Ängstlich hatte er in der Küche gehockt – kein Mensch wusste, wie er dahin gekommen war – und Großvater hatte ihn einfach gegriffen und in eine alte Waschschüssel gesetzt. Mich schickte er, etwas Stroh beim Nachbarn zu holen. Anschließend ging er mit mir in die Zoohandlung, kaufte einen widerlich stinkenden Brei aus Ameisen und Würmern und zeigte mir, wie man das Ganze in den winzigen Schnabel stopft.

Wochen später standen wir oben auf dem Dach unseres Hauses und sahen zu, wie der Kleine zum Himmel empor flog.

 

„Ach Großvater“ seufze ich und schiebe mir den Stuhl wieder dicht neben das Bett.

„Ohne dich hätte mir sehr viel gefehlt in meinem Leben.“

Schweigend schaue ich ihn an. Ob er hört, was ich sage? Ob er spürt, dass ich hier bin?

Der Arzt sagt nein! Aber vielleicht irrt er ja auch.

„Großvater, ich hab dich lieb!“ flüstere ich und streiche ihm eine dünne Haarsträhne aus der Stirn.

Seine Lider flattern und für einen kurzen Augenblick sieht er mich an. Ein Lächeln zieht über sein Gesicht.

Dann fällt sein Kopf zur Seite.

Schrill erklingen im selben Moment die Alarmglocken aller Monitore und noch bevor es mir der Arzt ein paar Minuten später sagen wird, weiß ich es.  

Es ist vorbei. Großvater ist tot.

Der letzte Held meiner Kindheit war gegangen.

 

Eine große Traurigkeit erfasst mich, gepaart mit einem stillen Glück über diesen, seinen letzten Blick.

 

 

 

 

 

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