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Martina Decker
Kurzgeschichten und mehr
"Seitenwechsel"

© Martina Decker

 Als Klärchen Müller nach einem langen und erfüllten Leben vor ihren Schöpfer trat, begrüßte er sie herzlich und lud sie auf einen Eierlikör ein.

„Liebes Klärchen“ sagte er und prostete ihr zu.

„Niemals war ein solcher Mensch wie du auf der Erde.“

Klärchen errötete und senkte beschämt den Blick.

„Nein, wirklich!“ Gott sah sie milde an.

„Niemals in all den Jahren habe ich von dir eine Beschwerde gehört. Hattest du wirklich ein so wunderbares Leben?“

Klärchen hob den Blick.

„Ich war zufrieden. Hatte ich doch ein liebevolles Elternhaus, einen wunderbaren Mann, zwei wohlgeratene Kinder und einen Beruf, der mir außerordentlich viel Freude machte.“

„Das haben andere auch und doch höre ich sie ständig jammern und nach Besserem betteln.“

„Nun, mein lieber Gott, du gabst mir die Gelassenheit, hinzunehmen, was ich nicht ändern kann.“

Gott nickte wohlgefällig.

„Trotzdem bin ich über alle Maßen erstaunt und möchte dir ein Geschenk machen.“

Überrascht sah Klärchen ihn an.

„Du darfst noch einmal zurück auf die Erde und ein weiteres Mal ein ganzes Leben dort verbringen.“

Klärchen wollte abwehren. Sie hatte dem Leben lange genug gedient.

Gott bemerkte ihr Zögern.

„Ich gewähre Dir auch einen Wunsch an Dein neues Leben. Was immer es ist, Du wirst es bekommen.“

Klärchen überlegte kurz und holte schließlich tief Luft.

„Dann schicke mich als Mann zurück in Welt.“

Jetzt war Gott überrascht.

„Als Mann?“

„Ja!  Die Welt ist für Männer gemacht. Sie wird noch immer von Männern dominiert.

Schicke mich als einzigen Sohn zu einem netten Paar! Ich möchte der Stammhalter sein und eine Carrerabahn haben und einen echten Lederfußball.

Oh, wie habe ich in meinem letzten Leben die Kleidchen gehasst und die Lackschuhe. Nie durfte ich mich schmutzig machen. Ich bekam Puppen geschenkt und durfte nicht raufen.“

Amüsiert hörte ihr der Herr zu.

„Und dann als Teenager möchte ich der Schwarm aller Mädchen sein. Ich möchte mir die Hörner abstoßen, ohne dass die Leute mir schlimme Worte nachrufen, wie sie es bei den Mädchen machen.“

„Moment, Moment! Du weißt aber schon, dass ich von solchen Dingen…“

„Kaum jemand fragt danach auf der Erde“ fiel ihm Klärchen ins Wort.

„Und wenn ich dann arbeiten gehe, werde ich als Mann so bezahlt, wie es sich gehört. Weißt Du, dass Frauen immer noch weniger Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Und dass unzählige Frauen wegen den monatlichen Steuerabzügen regelmäßig Tränen in den Augen haben.

„Halt! Für die Steuerklasse 5 kann ich nichts. Die haben die Menschen selbst erschaffen“

wehrte sich der Herr.

Doch Klärchen träumte sich schon weiter durch ihr neues Leben.

„Wenn ich dann abends müde nach Hause komme, ist alles ordentlich und sauber. Meine Frau hat das Essen vorbereitet und die Kinder spielen brav in ihren Zimmer.

Väter haben Autorität. Mit Müttern diskutieren Kinder viel mehr.“

„Das klingt, als hättest du ab und zu ganz schön gelitten.“

„Gelitten? Nein! Enttäuscht war ich manchmal oder verärgert. Habe mich den ganzen Tag um sie bemüht, versucht, es ihnen recht und bequem zu machen und sie haben mich nicht ernst genommen.“

„Sind das nun alle deine Gründe, weswegen du ein Mann sein möchtest?“

„Es gibt noch so viele.

„Männer sind … ehrlicher. Sie sagen, was sie denken und niemand ist ihnen böse. Sie machen sich keine großartigen Gedanken um die Befindlichkeiten ihrer Umwelt.

Männer sind nicht so nachtragend. Frauen vergessen nie oder doch zumindest nicht so schnell.

Männer können „Nein“ sagen. Sie binden sich nicht alles ans Bein und verlieren irgendwann die Übersicht oder geraten in ein unüberschaubares Chaos.

Den meisten Männern reichen zwei Paar Schuhe – Sommer und Winter. Na ja, vielleicht auch drei, wenn man die Sportschuhe dazu zählt.

Männer werden nicht nach ihrem Aussehen beurteilt und sie stören sich nicht an ihrem Bauchansatz. Sie schauen in den Spiegel und sehen noch mit sechzig nur den jungen, hübschen Burschen, der sie mal waren.

Egal, ob Haushalt oder Kinder, sie müssen nicht, sie dürfen nur.“

 

Klärchen lehnte sich zurück. Sie hatte sich richtig in Rage geredet und versuchte nun, sich wieder ein wenig zu beruhigen.

„Und? Darf ich als Mann zurückkehren?“

Der Herr nickte bedächtig mit dem Kopf.“

„Ich habe dir einen Wunsch versprochen, also werde ich ihn Dir auch gewähren. Doch zuvor muss ich Dir folgendes sagen:

Dein Leben als Mann wird weit weniger erfüllt sein, als es Dein Leben als Frau war.

Viele winzige Glücksmomente werden dir verwehrt bleiben.

Nie mehr wird es Dir gelingen, mit einem Augenaufschlag oder Tränen etwas zu erreichen.

Statt einer Freundin, die Freud und Leid mit dir teilt, wirst du nur Kumpels haben. Mit ihnen kannst du eine Sauftour machen, auf den Sportplatz gehen. Aber nicht über Gefühle reden.

Karriere wirst Du nur machen, wenn dir eine liebende Frau den Rücken freihält. Oder Du wirst ewig alleine bleiben, weil Dir die Zeit fehlt, eine passende Frau zu finden.

Und bei den Damen, die dir in dieser Zeit begegnen, wirst du immer Zweifel haben: Lieben sie dich oder dein Geld.

Weder wirst du die ersten Worte Deiner Kinder hören, noch ihre ersten Schritte begleiten.

Als Mann bist du verantwortlich, dass Geld ins Haus kommt und Deine Lieben erhalten, was sie dringend benötigen. Du trägst Verantwortung und die Sorge darüber wird oft schwer auf deinen Schultern lasten.

Du wirst zum Hausmeister im eigenen Haushalt und was du nicht selber reparieren kannst, wirst du teuer bezahlen müssen.

Du wirst nie erfahren, wie viele Fünfer Deine Kinder auf ihre Schularbeiten bekommen haben, denn du wirst immer nur die guten Noten unterschreiben dürfen.

Schlussendlich  sollst Du  wissen: Deine Frau wird Dir oft vorwerfen, dass Du zuhause nicht genügend hilfst und dass sie sich alleine gelassen fühlt.

Willst du das alles wirklich?“

 

Klärchen sah ihn eine Weile stumm an.

„Sicherlich, da erzählst du mir nicht Neues. Vieles davon habe ich zu Lebzeiten schon geahnt, manches auch gewusst.

Und doch: Männer scheinen mir auf eine angenehme Art einfacher zu sein und das Leben auch einfacher zu bewältigen. Ihre Sprache ist gradliniger, ihre Zeichen deutlicher. Wir Frauen sind kompliziert. Wir müssen damit leben, niemals wirklich verstanden zu werden.“

Klärchen grinste verschmitzt.

„Werde ich mich als Mann daran erinnern, wie das Leben als Frau war?“

„Manchmal“, sagte der Herr, “und dann solltest du den Augenblick nutzen.

Denn das sind diese magischen Momente, in denen Frauen sich in Männer verlieben. weil diese so verständnisvoll und aufgeschlossen sind.

Oder sich Paare wieder versöhnen, weil sie einander ganz plötzlich wieder sehr nah sind und für einen kurzen Moment sich wieder verstehen.“

 

„Dann steht meine Entscheidung fest!“ Klärchen war von ihrem Stuhl aufgesprungen.

„Wann bitte darf ich abreisen?“

 

 

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