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Martina Decker
Kurzgeschichten und mehr
"Der Traumkünstler"

Der Traumkünstler
© Martina Decker

Emilio Zuccerino war ein fröhlicher Mann. Fragte ihn jemand nach seinem Beruf, so sagte er: „Ich bin ein Künstler!“
Er verdiente seinen Lebensunterhalt nicht mit geregelter Arbeit. Auch wohnte er niemals lange am gleichen Ort und zog lieber wie ein Vagabund durch die Welt. Seine Kleider waren abgetragen und das Haar hing ihm in dunklen Locken bis auf die Schultern. Emilio genügte das, was die anderen ihm zu geben bereit waren und dabei war er sehr, sehr zufrieden.

Die Erwachsenen konnten in dem, was er tat, keine Kunst erkennen. Sie nannten ihn abfällig einen Lebenskünstler.
Die Magie, die er besaß, spürten sie nicht.
Wie anders erging es da den Kindern. Mit leuchtenden Augen lauschten sie seinen Geschichten. Er beschrieb ihnen eine Welt, die sie nicht kannten. Er war ihnen Freund und Trost. Und wenn Emilio weiter zog, sagte er stets zum Abschied: „Ich muss gehen! Es gibt noch so viele Kinder auf der Erde, die meine Geschichten hören wollen! Doch wenn ihr einmal großen Kummer habt, so fragt den Wind! Er weiß immer, wo ich bin!“ Dann packte er sein Bündel und verschwand.

Komischerweise erinnerte sich Julian ausgerechnet jetzt daran, während er an diesem dunklen Januartag alleine durch die Straßen des kleinen Dorfes ging. Der Weg von der Turnhalle nach Hause war nicht weit, doch heute erschien er ihm endlos. Im dichten Schneegestöber sah er kaum die Hand vor Augen.
Normalerweise hätte ihn der viele Schnee gefreut. Er wäre auf den kleinen Hügel am Ortsrand gelaufen und mit seinen Freunden auf dem Schlitten hinunter gerodelt. Sie hätten gelacht und eine Schneeballschlacht gemacht; vielleicht auch einen Schneemann gebaut und Schneeengel auf die Felder gezeichnet.
Doch auf nichts von alle dem hatte er heute Lust. Er war unendlich traurig, denn sein bester Freund Tobias war fortgezogen. Und wenn Julian auch nicht wusste, wo genau dieses Amerika war…. Ganz, ganz weit weg war es auf jeden Fall. „Tobias! Wenn ich nur wüsste, wie wir uns trotzdem jeden Tag treffen könnten“, flüsterte der Junge und zog die Kapuze frierend tiefer ins Gesicht.
Tobias und er waren beste Freunde seit dem Kindergarten. Und in der Schule hatte es keinen Tag gegeben, an dem sie nicht nebeneinander im Unterricht gesessen hatten. Tobias hatte im Haus gegenüber gewohnt und gemeinsam hatten sie am Kinderturnen teilgenommen. Heute war er das erste Mal nicht dabei gewesen. Julian zog die Nase hoch. Er wollte die Hände nicht aus den warmen Jackentaschen ziehen, um im Sportbeutel nach einem Taschentuch zu suchen.
„Sccccch! Komm zur Scheune am letzten Haus – Emilio ist wieder da! Scccch.“
Irritiert sah Julian sich um. Es war niemand außer ihm auf der Straße.
„Wenn es soweit ist, wirst du den Wind verstehen…“ hörte er Emilios Stimme in seiner Erinnerung.
„scccch….letztes Haus…sccccch.. Emilio…“
Plötzlich lächelte Julian. Seine Schritte wurden schneller. Atemlos erreichte er die alte Scheune. Im Haus nebenan lebte schon lange keiner mehr und einen Augenblick war es Julian doch ein bisschen mulmig. „Treffe dich niemals mit Fremden in alten Scheunen! Und gehe mit niemandem mit!“ hatte Mama mehr als einmal gemahnt. Sollte er umdrehen?
„scccch… geh hinein….scccch“ flüsterte der Wind.
Julian nahm all seinen Mut zusammen und ging auf den Feuerschein in der Scheune zu. Emilio hatte ein Lagerfeuer auf dem blanken Boden entfacht. Die Holzstücke knackten leise. Ab und zu stoben Funken hoch, schwebten wie Glühwürmchen durch das alte Gemäuer und verglommen in der kalten Luft. Die Flammen zuckten im Wind, der ungehindert eindrang und jedes Mal eine handvoll Schnee mitbrachte. Ein schützendes Scheunentor gab es hier schon lange nicht mehr. Das Holz war über die vielen Jahre verwittert und morsch geworden. Die Torflügel hatte der letzte Sturm aus der Verankerung gerissen. Sie lagen unbeachtet neben dem Weg.

Emilio erwartete ihn schon. Er hockte auf einem alten, umgedrehten Eimer und schaute in das Feuer. „Sei mir willkommen, mein kleiner Freund!“, begrüßte er den Jungen ohne aufzusehen. „Der Wind hat mir von deinem Kummer erzählt.“ Julian nickte unsicher.
„Komm, setz dich zu mir! Ich will schauen, ob ich dir helfen kann!“ Emilio deutete auf einen groben Holzklotz. Julian trat schüchtern heran. Jetzt sah Emilio auf und lächelte ihn freundlich an. Der Junge saß kaum, da sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. Er erzählte von Tobias und ihrer Freundschaft und wie sehr er doch jetzt traurig war. Emilio hörte schweigend zu, nickte ab und zu oder schüttelte den Kopf. Als Julian nicht mehr sprach, holte Emilio einen kleinen unscheinbaren Zauberstab aus der Hosentasche. Er murmelte ein paar unverständliche Worte und grüne und gelbe Funken spritzten aus der Zauberstabspitze. Wie gebannt starrte Julian darauf.
„Sieh zum Himmel“, forderte Emilio ihn auf.
Der Junge hob den Kopf. Die Wolkendecke war an einer Stelle aufgerissen und in dem Himmelsloch leuchtete ein heller Stern. „Diesen Stern habe ich Tobias auch gezeigt!“ sagte Emilio. „Es ist der Stern der Freundschaft. Wann immer ihr ihn anseht, erinnert er euch an die gemeinsame Zeit und wer weiß“, meinte er geheimnisvoll, „vielleicht führt er euch eines Tages auch wieder zusammen.“
Julian war glücklich. „Danke“, murmelte er und umarmte Emilio. Sanft schob dieser ihn weg. „Wird Zeit für dich nach Hause zu gehen. Ich muss auch wieder weiter. Du verstehst?“ Emilio zwinkerte Julian verschwörerisch zu. Julian nickte und wandte sich zum Gehen. Noch einmal sah er zum Himmel hinauf. Das Wolkenloch hatte sich wieder geschlossen und es schneite noch heftiger als zuvor. Julian zog die Kapuze auf und rannte so schnell er konnte nach Hause. Morgen Abend würde er den Stern wieder sehen.
Im Flur duftete es nach warmem Apfelkuchen. Julian beeilte sich in die Küche zu kommen. „Wo warst du?“, fragte seine Mama und sah ihn streng an. „Mit Kai Schlittenfahren!“, antwortete Julian schnell und hatte ein schlechtes Gewissen. Eigentlich wollte er seine Mama nicht anlügen. Aber die Geschichte mit Emilio würde sie ihm nie glauben und außerdem war es ihm ja verboten, sich mit einem Fremden in einer Scheune zu treffen. Er würde es auch nie wieder tun, da war Julian sich ganz sicher.

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