Der Nachwintermonat! © Martina Decker Missmutig schaute Larissa auf das kleine Wetterhäuschen an der Wand. Schon wieder hatte die Frau sich zurückgezogen und der Mann mit dem Regenschirm stand vor der Tür. „Kannst du nicht endlich mal drinnen bleiben!“ schimpfte Larissa. „Ich mag endlich wieder draußen spielen.“ Ihr Blick ging zum Fenster. Dunkle Regenwolken ballten sich zu immer neuen Ungetümen am Himmel und unablässig prasselte der Regen an die Scheibe. „Pah! Ich mach das Wetter doch nicht!“ Larissa zuckte zusammen. Wer hatte da gesprochen? Verwirrt sah sie sich um. Mama war in der Küche und ihr kleiner Bruder im Kindergarten. „Hallo….hier oben…der Wettermann!“ Ungläubig schaute sie auf die kleine Figur. Das Männlein winkte mit dem kleinen Schirm und verbeugte sich. „Taddäus Nass mein Name!“ „Du kannst sprechen?“ Larissa ging neugierig etwas näher heran. „Natürlich kann ich sprechen. Warum denn nicht!“ Taddäus schüttelte unwirsch den Kopf. „Allerdings vermeide ich es gerne, mit Menschenkindern wie dir zu reden. Alles Plappermäuler. Können kein Geheimnis für sich behalten.“ „Ich kann gut Geheimnisse bewahren!“ „Das sagen sie alle. Aber wie dem auch sei… es wird dir sowieso niemand glauben.“ „Taddäus! Mit wem sprichst du da?“ Aus dem Inneren des Häuschens erklang eine zarte Frauenstimme. Taddäus wandte sich um. „Mit Larissa! Du weißt schon, das Mädchen, in dessen Zimmer unser Haus hängt.“ Ein leises Rascheln war zu hören, dann klang es, als würde ein Stuhl zurück geschoben. Und eh Larissa überlegen konnte, was das wohl zu bedeuten hatte, stand die Wetterfrau neben Taddäus. „Hallo! Ich bin Marie.“ Larissa war so überrascht, dass sie nur nicken konnte. Die Wetterfrau zupfte ihr Blumenröckchen zu Recht und lächelte sie freundlich an. „Ich hatte es mir eben ein bisschen gemütlich gemacht. Gerade im April bin ich ja immer auf dem Sprung. Rein – Raus – Rein.“ Sie lachte. „Es scheint dir gar nichts auszumachen, dass er viel öfter draußen ist als du!“, meinte Larissa verwundert. „Ach Kind, bald wird es anders herum sein. Frühling und Sommer sind nicht aufzuhalten. Und dann wird Taddäus für eine lange Zeit im Haus leben müssen.“ Marie warf dem Wettermann einen kecken Blick zu. „Ich habe es dir drinnen schon nett gemacht, mein Lieber.“ Taddäus Nass lächelte sie ebenfalls an. „Marie, du bist einfach die Beste! Ich bin müde von dem langen Winter und ehrlich froh, wenn ich endlich einwenig ausruhen kann.“ „Aber, wenn du so müde bist, kannst du doch auch gleich…,“ meinte Larissa. Taddäus sah sie streng an. „Ich wiederhole mich nur ungern, mein Kind! Ich mache das Wetter nicht! Ich gehorche ihm nur!“ „Jetzt sei doch nicht so ungeduldig mit dem Mädchen!“, rügte in Marie. „Erkläre ihm, wie es ist.“ Sie winkte Larissa zu. „Ich muss jetzt wieder rein. Mein Tee wird sonst kalt!“ An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Wir sehen uns bestimmt bald!“ Taddäus murmelte etwas Unverständliches. Dann seufzte er laut und meinte. „Na gut! Also: Der April ist der erste Nachwintermonat! Eigentlich gehört er dem Frühling. So wurde es in den Regeln für die Jahreszeiten festgeschrieben.“ „Aber dann müsste es doch schon wärmer und sonnig sein?“ warf Larissa ein. „Ich bin noch gar nicht fertig mit meiner Erzählung! Setz dich hin und hör mir einfach zu“ tadelte Taddäus das Mädchen. Larissa verkniff sich eine weitere Antwort und tat, was er gesagt hatte. Der Wettermann nahm seinen Schirm runter und stützte sich auf den Knauf. „So, wo war ich …? Ach ja, Regeln der Jahreszeiten… Nun, der Winter ist ein launischer Bursche. Seine wichtigsten Helfer sind Fritz Frost und Schorsch Schnee. Übermütige Jungs, die sich nicht gern an Regeln halten. Darum gleicht auch kein Winter dem anderen. Wenn nun der Frühling seinen Dienst antreten will, muss er die Drei erst einmal vertreiben. Leider ist der Frühling aber eher von zarter Natur,“ erklärte Taddäus. „Das wissen die anderen natürlich. Wenn das erste Grün aus der Erde bricht, wirft Schorsch sofort neuen Schnee drauf. Und Fritz lässt es gleich wieder ordentlich frieren, damit der Boden hart bleibt.“ „Das ist aber gemein!“ Larissa war empört aufgesprungen. „So sind sie eben, die Jahreszeitengeschwister!“, meinte Taddäus nachsichtig. „Das geht ein paar Wochen lang so: Der Frühling und seine Freunde, Sonja Südwind und Resi Regen wärmen die Welt und lassen die erste Saat aufgehen. Fritz und Schorsch und der kalte Nordwind stellen sich dagegen und lassen den Winter wieder die Oberhand gewinnen. Irgendwann folgen die Attacken immer schneller aufeinander.“ „So wie in den letzten Tagen?“, fragte Larissa zaghaft dazwischen. Taddäus nickte. „Ich sehe, du hast es verstanden.“ Bevor Taddäus fortfahren konnte, ließ ein lautes Klopfen ihn und Larissa aufschauen. Dicke Hagelkörner schlugen gegen das Stubenfenster. Die kleinen weißen Kugeln prasselten auf die Erde und es sah aus, als hätte Papa den Sack mit der Katzenstreu verschüttet. Taddäus lachte leise. „Mir scheint, nun haben es die kalten Gesellen zu bunt getrieben.“ Er nahm seinen Regenschirm wieder hoch. „Wenn Helga Hagel eingreift…. Obwohl sie Fritz und Schorsch eigentlich viel näher stehen müsste, ist sie eine gute Freundin des Frühlings. Man kann sich darauf verlassen, dass sie irgendwann auftaucht.“ Taddäus lächelte glücklich. „Für mich heißt das: Ich darf schon sehr bald ins Haus und mich von den Strapazen hier erholen.“ Larissa hatte ein schlechtes Gewissen. Sie war so böse gewesen zu dem kleinen Wettermann. Ganz vorsichtig strich sie mit einem Finger über seine Wange. „Es tut mit Leid, dass ich so gemein zu dir war!“ „Entschuldigung angenommen!“ Taddäus nahm wieder punktgenau seinen Platz ein. „War nett, mit dir zu plaudern.“ Im selben Moment kam hell und strahlend die Sonne hinter den Wolken hervor. Taddäus zog sich langsam ins Wetterhäuschen zurück. In der anderen Tür erschien mit einem strahlenden Lächeln und vor Freude geröteten Wangen die Wetterfrau Marie. „Ach, ist das schön! Schlaf gut, mein lieber Taddäus und ruh dich ordentlich aus.“ Dann zwinkerte sie Larissa zu, „Sobald wird er nicht zurück kommen! Helga hat es geschafft. Der Frühling kann ungehindert sein Werk tun!“ |