Das Bruderpaar
© Martina Decker
Siegbert und Siegmund waren als Fremde in die kleine Stadt gekommen. Sie hatten nach einer Herberge gefragt, doch so etwas gab es dort nicht. Aber man bot ihnen eine kleine Hütte am Fuße des Berges an.
„Sie ist alt und windschief, doch so habt Ihr wenigstens ein Dach über dem Kopf!“ meinte der Bürgermeister freundlich. „Und sie kostet Euch nur einen Silbertaler Pacht. Wollt Ihr einschlagen?“
Die Brüder tauschten einen kurzen Blick, dann griff Siegmund in den ledernen Beutel an seinem Gürtel. Er nahm eine Münze heraus und gab sie dem Alten. „Ein guter Preis!“
Mittlerweile hatte Siegbert die Hütte gemütlich eingerichtet. Auf dem kleinen Tisch lag eine geblümte Tischdecke und an den Fenstern hingen bunte Gardinen. In der Schlafstube duftete es nach sauberer Wäsche und auf der winzigen Veranda blühten die schönsten Blumen.
Er kannte kein böses Wort und war zu allen freundlich und nett. Und doch fürchteten ihn die Leute sehr. Über seine rechte Wange zog sich eine wulstige, dunkelrote Narbe, die ihm ein böses Aussehen gab. Er hinkte und seine schmächtige Gestalt war schief und buckelig.
Siegmund hingegen war groß gewachsen und hatte ebenmäßige Gesichtszüge. Sein Körper war kraftvoll und muskulös. Die strahlend blonden Haare fielen ihm bis auf die Schultern und sein Lächeln bezauberte die Menschen.
Ein wahrlich ungleiches Bruderpaar, meinten die Menschen und vermuteten schon bald einen bösen Zauber. Einen wie Siegbert jagte man fort und teilte nicht seine Hütte mit ihm.
Siegbert wusste um das, was die Leute sprachen. Anfangs war er trotzdem noch zum Krämer gegangen. Doch als eine Gruppe älterer Kinder ihn eines Tages mit Steinen bewarf und mit hässlichen Worten beschimpfte, bat er seinen Bruder, die Einkäufe zu erledigen.
Siegmund gefiel das gar nicht. Viel lieber saß er den lieben langen Tag auf der Veranda oder hielt ein Nickerchen. „Stell dich doch nicht so an. Du weißt doch, wie du aussiehst. Du bist ein hässlicher Gnom. Wärest du nicht mein Bruder, ich würde mich auch vor dir fürchten!“ Siegmund lachte schallend. „Aber gut, ich will nicht so sein! Vielleicht treffe ich des Krämers Tochter. Sie ist ein wahrlich hübsches Kind und ich glaube, sie mag mich.“
Aus einer hölzernen Schatulle nahm er zwei Silbertaler und steckte sie in die Hosentasche. „Einer für den Krämer, einer für mich! Warte besser nicht mit dem Essen auf mich. Es könnte spät werden. Wenn das Glück mir hold ist, führe ich die junge Maid heute Abend noch zum Tanz.“
Traurig sah Siegbert ihm nach, bis er an der Wegbiegung verschwunden war. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich ab. Er wollte dankbar sein, dass Siegmund ihn nicht verstoßen hatte. Dass er mit seinem Bruder hier leben durfte und immer genug zu essen hatte. Andere wie er lungerten vor der Stadtmauer herum und mussten betteln. Sie wurden bespuckt und getreten wie räudige Hunde.
Langsam schlurfte er in die Küche. Er wollte noch ein Süppchen kochen. Das konnte sich Siegmund dann wärmen, wenn er nicht allzu spät zurückkommen würde.
Im selben Moment erhob sich ein mächtiges Donnergrollen. Die Erde bebte und vom Berg prasselten Geröll und Gesteinsbrocken auf das Dach der kleinen Hütte nieder. Ängstlich warf Siegbert sich zu Boden und hielt schützend die Arme über seinen Kopf. Zitternd blieb er liegen bis das Beben nachließ und er ein leises Kichern vernahm.
Siegbert blinzelte zaghaft zwischen seinen Fingern hindurch. Direkt vor ihm stand ein kleines Männlein. Es trug einen grasgrünen Overall und einen knallgelben Hut auf dem Kopf. Seine dicke Knollennase beherrschte das spitze Gesicht und ein langer Kinnbart reichte ihm bis auf die Brust. Die Füße steckten in blauen Stiefeln.
„Komm, jetzt steh schon auf, du Feigling!“ meinte es. „Dir wird nichts geschehen.“
Zögerlich richtete Siegbert sich auf.
„Wer bist du?“ fragte er verwundert.
„Frederic-Ferdinand-Fridolin-Franz-Teodorus-Rabambulus…. Aber du kannst mich Fritz nennen!“
„Und was machst du hier, Fritz?“ stammelte Siegbert, noch immer sehr verwirrt.
„Ich helfe dir, frei zu werden und reich und ein angesehener Mann und….“
„Ich bin frei, auch Geld ist immer genug im Haus. Und ein angesehener Mann kann ich niemals werden. Schau mich doch an…. Nein, mein lieber Fritz, das steht meinem Bruder zu.“
„Pah! Dein Bruder sieht aus wie ein Engel, aber er ist ein kleiner Teufel! Weißt du eigentlich, woher die vielen Silbermünzen in der Schatulle stammen?“ Das Männchen legte den Kopf ein wenig schief und sah Siegbert ernst an. Als dieser nicht antwortete, meinte es: „Hab ich mir gedacht! Dein Bruder ist ein Dieb. Er bestiehlt den Wirt, wenn der den anderen Gästen einschenkt. Und beklaut die Gäste, wenn sie betrunken oder unaufmerksam sind. Gerade jetzt greift er beim Krämer in die Kasse…“
Siegbert sah das Männchen ungläubig an. Siegmund hatte ihm immer erzählt, die Münzen wären das Erbe ihrer Eltern und sie hätten so reichlich, dass keiner von ihnen jemals einer Arbeit nachgehen müsste.
„Du lügst! Mein Bruder ist ein redlicher Mensch“ meinte er aufgebracht.
„Ich kann es beweisen!“ Fritz verschränkte die Arme vor der Brust. „Soll ich?“
Siegbert nickte stumm. Das Männchen schnippte mit dem Finger und eine große Blase stieg aus dem Nichts auf und pendelte einen Moment lang unruhig hin und her. Erst unscharf, dann immer deutlicher erschien er darin ein Bild und Siegbert erkannte seinen jüngeren Bruder. Siegmund hielt ein wunderschönes Mädchen im Arm. Er gab ihm einen Kuss und dann ging es lächelnd auf etwas zu, das in der Blase nicht mehr zu erkennen war. Siegmund schickte dem Mädchen eine Kusshand nach und sah sich dann nervös um. Er machte zwei Schritte auf den Tresen zu und drehte die Kurbel der Kasse. Blitzschnell öffnete sich das Kassenfach und Siegmund steckte viele Münzen und das Papiergeld in seine Tasche. Ebenso geschwind schloss er die Lade wieder und eilte zurück zu den Regalen.
Siegbert starrte wie gebannt auf die Blase und zuckte erschreckt zusammen, als sie mit einem lauten Plopp zerplatze.
„Glaubst du mir jetzt?“ Fritz wippte ungeduldig mit den Fußspitzen.
„Ja!“ murmelte Siegbert leise und wischte sich verstohlen über die Augen.
„So höre meinen Plan! In einer Grotte nicht weit von hier lebt der Drache Nogard. Er ist ein guter Freund und wirklich ein netter Kerl. Als er jung war, hat er hier in der Gegend Angst und Schrecken verbreitet. Die Leute erzählen noch heute davon. Nogard wird die schöne Kaufmannstochter rauben und …“
„Um Gottes Willen!“ fiel Siegbert ihm entsetzt ins Wort.
„Hörst du mir eigentlich nicht zu? Nogard ist ein netter Kerl und schon ziemlich alt, hab ich gesagt. Er wird dem Mädchen nichts tun. Aber er wird einen furchterregenden Auftritt hinlegen und schreien, dass nur eine wahrhaft gute Menschenseele die Maid wieder befreien kann.
Die Leute werden natürlich deinen Bruder bitten, sie zu retten. Aber das wird ihm nicht gelingen!“ Fritz lachte gehässig. „Schließlich wissen wir beide, dass er weder eine gute Seele noch ein Held ist.“
„Und wer befreit die junge Frau dann?“ fragte Siegbert. Der Plan schien ihm doch sehr verworren.
Fritz schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Mann, bist du begriffsstutzig! Du befreist das Mädchen! Nogard wird deinem Bruder solange Flammen entgegen schleudern, bis ihm ganz heiß ist. Dann kommst du, fuchtelst ein bisschen mit einem Schwert herum und Nogard verzieht sich wieder in seine Grotte. Von seinem Drachenschatz wird er dir auch noch etwas am Eingang der Höhle liegen lassen.“
Das Männchen holte tief Luft und klopfte Siegbert mit seiner kleinen Hand auf die Schulter. „Die Menschen werden erkennen, dass du ein guter Kerl bist. Du wirst den Drachenschatz haben und vielleicht verliebt sich die Kaufmannstochter gar in dich. Und dein Bruder wird die Stadt auf immer verlassen müssen.“
Für einen Moment war es ganz still in der Hütte. Siegbert dachte über den Plan nach und Fritz wartete auf seine Antwort. Schließlich stimmte Siegbert zu.
„Das habe ich gehofft!“ feixte Fritz und hüpfte erleichtert in der Stube herum. „Dann werde ich jetzt gehen und alles vorbereiten. Du lässt dir solange nichts anmerken, verstanden?“ Er zwinkerte Siegbert verschwörerisch zu.
„Ja, ja! Nun geh schon. Ich muss aufräumen bevor Siegmund nachhause kommt. Und Essen ist auch noch nicht gemacht.“
Drei Tage später, im Morgengrauen, erzitterte die Erde unter den mächtigen Schritten des Drachen. Ziegel fielen von den Dächern und die schweren Glocken im Kirchturm schlugen unablässig. Die furchtsamen Schreie der Kaufmannstochter hallten durch die Stadt und vermischten sich mit den verzweifelten Rufen ihres Vaters.
„Er hat meine Tochter geraubt! So helft ihr doch! Mein armes Kind!“
Männer, Frauen und Kinder fuhren erschrocken aus ihren Betten. Ängstlich und verwirrt liefen sie vor dem Krämerladen zusammen. Ungläubig starrten sie auf das Untier, das unweit von ihnen auf dem Marktplatz stand. Leblos lag die Kaufmannstochter in seinen mächtigen Fängen.
Ein Raunen ging durch die Menge, als Nogard das Mädchen zu Boden ließ und drohend eine Flamme ausstieß. „Es ist mein Land, in dem Ihr lebt! Wie Eure Ahnen, so müsst auch Ihr den Preis dafür zahlen. Darum soll diese Jungfrau mir gehören.“ Erneut schossen Flammen aus Nogards Maul. „Wenn einer unter Euch ist, der um sie kämpfen will, so soll er kommen.“ Eindrucksvoll peitschte der mächtige Schwanz über die staubige Erde. „Doch bedenkt: Nicht Kraft oder Mut sind entscheidend, sondern die Reinheit des Herzens und eine gute Seele.“ Nogard grinste breit. Seine spitzten Zähne blitzten im Sonnenlicht auf und ängstlich wich die Menge einige Schritte zurück. Der Drache bemerkte es zufrieden. Vorsichtig nahm er das Mädchen wieder auf und lief aus der Stadt bergan zu seiner Höhle.
„Was sollen wir nun tun?“ Ratlos sah der Bürgermeister sich um. Die Männer wichen seinem Blick aus. Gar zu schrecklich war der Drache, zu groß die Furcht, beim Kampf mit ihm das Leben zu verlieren.
Düsteres Schweigen lag über dem Marktplatz und nur ab und zu durchbrach das Schluchzen des Krämers die Stille. „Wir bitten Siegmund um Hilfe!“ flüsterte da eine Frauenstimme. „Er ist der Tochter des Krämers sehr zugetan und ein guter Mensch.“
So standen die Menschen kurz darauf vor der Hütte der Brüder und wie sehr sich Siegmund auch zierte, er musste mit ihnen gehen. Siegbert folgte der Gruppe in einem sicheren Abstand.
Vor der Drachhöhle schob der Bürgermeister Siegmund nach vorne. Der Krämer nahm seine Hand und sah ihn bittend an. „Bring mir meine Tochter zurück. Sie mag dich wirklich sehr gerne. Mit Freude werde ich sie dir zur Frau geben.“
Noch bevor der junge Mann antworten konnte, trat Nogard aus der Höhle. Siegmund schluckte schwer. Er musste seinen Kopf weit in den Nacken legen, um zu dem Tier aufzuschauen. Die Augen glichen glühenden Kohlen und der faulige Atem des Drachen betäubte seine Sinne. Die Angst kroch in ihm hoch und verzweifelt suchte er nach einem Ausweg. Krampfhaft umschloss seine Hand das Schwert.
„Du fühlst dich also berufen?“ Nogard beugte sich ein wenig vor. „Buhhh!“
Erschreckt machte Siegmund einen Schritt nach hinten. Mit einem Feuerstoß trieb der Drache ihn noch weiter zurück. Siegmund versteckte sich hinter einem Busch. Doch sogleich ging dieser in Flammen auf. Die Hitze brachte das Schwert zum Glühen. Mit einem Aufschrei ließ Siegmund es fallen.
Entsetzt beobachteten die Menschen den ungleichen Kampf. Und mit jedem Feuerstoß schwand etwas von ihrer Hoffnung. Schließlich lag Siegmund regungslos am Boden. Nograd sah triumphierend in die Menge und schickte sich an, ihn mit seinen mächtigen Füßen zu zertreten.
„Nein! Erst wirst du mit mir kämpfen müssen!“ rief Siegbert laut und hinkte eilig durch die Menge. Er kniete neben seinem Bruder nieder. „Versprichst du, nie mehr zu stehlen und zu betrügen?“ fragte er ihn leise.
„Woher weißt du…?“
„Das ist jetzt nicht wichtig. Versprichst du es?“
„Ja!“
Daraufhin griff Siegbert ohne zu zögern das Schwert und hieb auf den Drachen ein. Wieder und immer wieder und Nogard gab klägliche Schmerzlaute von sich. Nur zwei winzige Flammen stieß er aus und verfehlte den mutigen Kämpfer dabei jedes Mal weit. Schließlich wandte der Drache sich um und floh tief in die Höhle. Siegbert folgte ihm und machte ordentlich Lärm. Er schrie und fluchte und schlug immer wieder mit dem Schwert gegen den Felsen.
Die Menge draußen lauschte mit angehaltenem Atem. Nach bangen Minuten erschien das Mädchen im Höhleneingang. Überglücklich nahm sein Vater es in den Arm. Kurz darauf trat auch Siegbert aus der Höhle. Das Hemd hing in Fetzen und seine Wangen waren rußgeschwärzt. In seiner Hand hielt er eine Kiste mit vielen, vielen Silbermünzen.
Die Menschen jubelten ihm zu. „Hoch lebe Siegbert! Wir haben dem falschen Bruder vertraut!“ riefen sie. „Siegmunds Seele ist gar nicht rein. Wir wurden betrogen! Jagd den Blender fort!“ ein paar besonders erboste Männer gingen drohend auf Siegmund zu.
„Nein!“ Siegbert, der bis jetzt nur beschämt zu Boden gesehen hatte, hob den Kopf und sah entschlossen in die Menge. „Er hat Fehler gemacht, sicherlich, doch er ist kein böser Mensch. Und auch ich habe zu einer List gegriffen, um Eure Anerkennung zu gewinnen.“
Stockend erzählte er von Fritz und dass Nogard gar kein böses Untier sei. Staunend hörte man ihm zu. Nachdem er geendet hatte, kam der Bürgermeister auf ihn zu. „Wir haben Euch nur nach Eurem Ansehen beurteilt. Das war nicht richtig. Verzeih auch du uns.“ Der Mann reichte ihm die Hand und wandte sich um. „Was heute geschehen ist, soll uns eine Lehre sein.“
Nachdenklich gingen die Menschen nachhause. Und als der nächste Frühling über die Stadt kam, feierten Siegmund und die Krämerstochter Hochzeit. Sie bezogen die kleine Wohnung über dem Laden und Siegmund arbeitete jeden Tag von früh bis spät in dem kleinen Geschäft.
Nogard wurde zum Liebling der Kinder. Sie durften ihn zu jeder Zeit besuchen und in seiner tiefen Höhle verstecken spielen.
Siegbert lebte nach der Hochzeit seines Bruders alleine in der kleinen Hütte und war ein angesehener Mann in der Stadt. Wann immer jemand einen Rat brauchte, kam er zu ihm.
Und auch Fritz besuchte ihn ab und zu. Dann sprachen sie über Siegberts Drachenkampf und wollten sich ausschütten vor Lachen über Nogards Schauspielerei. „Das müssen wir unbedingt mal wieder machen!“ kicherte Fritz jedes Mal. Und Siegbert nickte, obwohl er sich sicher war: Er würde nie mehr jemanden betrügen. Das schlechte Gewissen hatte ihn viel zu sehr gequält.
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